Der große Bluff: Wie der Staat sich die Herrschaft über die Sprache sicherte.
Der große Bluff: Wie der Staat sich die Herrschaft über die Sprache sicherte.
von Roman Müller / RUBIKON
Die Rechtschreibreform von 1996 hatte mächtige Befürworter, aber zweifelhafte Rechtsgrundlagen. Und sie stand am Beginn einer unheilvollen Entwicklung unserer Demokratien. Anpassungen der Rechtschreibung folgten bisher dem realen Sprachgebrauch im Volk. Erstmals in der Geschichte versuchten Politiker nun Sprache von oben zu verordnen. Ein gefährlicher Präzedenzfall postdemokratischerMachtanmaßung. Denn wer die Sprache der Menschen prägt, prägt auch ihren Geist. Millionen wertvoller Bücher waren nach der Reform nicht mehr verfügbar, wurden aus den Bibliotheken genommen, damit Schüler nicht die „falsche Rechtschreibung“ lernten. De facto eine Art Bücherverbrennung ohne Feuer, der vor allem Werke abseits des kommerziellen Mainstreams zum Opfer fielen.

► Wußten Sie schon …? Der passive Widerstand beginnt mit der Rechtschreibung.
Spätestens seit Gründung des wirtschaftsliberalen EU-Projekts in Maastricht 1993 beobachtet man in Europa eine konsequent umgesetzte Politik der „Reformen“, die sich in aggressiver Weise gegen die moderne Sozialdemokratie und unsere sozialen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts richtet. Diesen offenkundigen Verfall unserer demokratischen Kultur hatte der britische Sozialforscher Colin Crouch im Jahr 2004 als „postdemokratische Entwicklung“ beschrieben, „im Zuge derer viele Errungenschaften des 20. Jahrhunderts rückgängig gemacht werden könnten“. Daß Colin Crouch in seinen Ausführungen noch weit davon entfernt ist, den Kapitalismus als solchen in Frage zu stellen, oder daß der postdemokratische Kulturverfall schon weiter fortgeschritten scheint, als Crouch es wahrhaben wollte, mag hier von untergeordneter Bedeutung sein.
Seit zwei Jahrzehnten wird nunmehr in Europa eine gezielte Aushöhlung unserer Demokratien vorangetrieben, nach dem Modell einer reaktionären Ideologie, dem Wirtschaftsliberalismus. In den vergangenen Zeiten der Könige und Kaiser mochten die Liberalen vielleicht fortschrittlich gewesen sein. Heute erblicken sie in der modernen Sozialdemokratie ihr größtes Feindbild.
Zwar verpflichten unsere Staatsverfassungen die gewählten Regierungen zur Sozialstaatlichkeit, die allen Bürgern und Bürgerinnen ein angemessenes Auskommen zusichern muß. Dieses Recht gilt es heute wieder einzufordern. Seit Jahren werden uns eine Reihe rückschrittlicher „Reformen“ und der massive Abbau der Sozialsysteme als wirtschaftsliberaler „Fortschritt“ aufgezwungen. Die Bevölkerung, deren „Leidensfähigkeit“ besonders unter der Armutsgrenze mitten in Friedenszeiten offenbar auf die Probe gestellt werden soll, kann es spüren, eine gewaltige Umwandlung ist im Gange, weil die liberale Ideologie sich in allen Bereichen der Politik festgesetzt hat. Unter dem übermächtigen Einfluß wirtschaftsliberaler Lobbyverbände und Denkfabriken sollen unsere Sozialdemokratien schrittweise in „liberale Demokratien“ umgewandelt werden. Die Reformen der Liberalen drohen in unseren Demokratien keinen Stein auf dem anderen zu lassen.

Aber es geht in Wahrheit um mehr: Es handelt sich bei dieser reaktionären Umwandlung um eine „Neuordnung des gesamten Denkens, die alle Bereiche des Lebens sowie den Menschen selbst einem ökonomischen Bild entsprechend verändere – mit fatalen Folgen für die Demokratie“ (Wendy Brown.)
Dann nämlich wird eine menschenverachtetende Ideologie, die überall nur Profit sucht und keinerlei soziale Verantwortungspflicht anerkennen will, sich Staat und Volk unterworfen haben. Die Gesellschaft insgesamt soll „liberal“ (nach den Bedürfnissen des Kapitals) denken lernen, und die rückschrittliche Entwicklung der Sozialpolitik als „Fortschritt“ wahrnehmen.
Ich möchte nun behaupten, daß die Rechtschreibreform, die im Jahr 1996 unter weitgehendem Ausschluß der Öffentlichkeit und ohne jede äußere Notwendigkeit eingeführt wurde, ein allererstes Experiment zur Umsetzung postdemokratischer Herrschaftsformen gewesen sein könnte. Natürlich wurde neoliberale Politik bereits in den 1980er-Jahren gemacht, aber erst mit Hilfe der EU sollte der Wirtschaftsliberalismus seinen Siegeszug antreten.
So erscheint also die Rechtschreibreform als Feldversuch der Wirtschaftseliten, ob es gelingen würde, eine an sich nutzlose Reform völlig unmotiviert auf nicht allzu demokratische Weise in deutschen Landen umzusetzen, ohne daß es darüber ein großes Geschrei geben würde, was auch gelang. Damit wurde die Rechtschreibreform zum Modell einer Politik hinter verschlossenen Türen, die sich gegen den Sozialstaat richtet, und bei der uns mittlerweile das bloße Wort „Reform“ schon kalte Schauer über den Rücken jagt, weil dann nur wieder neues Unheil über die bestürzte Menschheit zu kommen droht.
Im Rückblick erscheint es geradezu bemerkenswert, daß diese ganze Welle von Überwachung, Medienmanipulation und wirtschaftsliberaler „Reformpolitik“, die wir heute erleben, zuerst mit der Rechtschreibreform begonnen hat, mit der Sprache also, denn gerade durch die Sprache beeinflußt man das alltägliche Denken der Menschen – das kann jeder Psychologiestudent bestätigen.
Natürlich wurde die Reform mit fadenscheinigen Argumenten begründet: Das Schreibenlernen in „den Schulen sollte erleichtert werden!“ „Die im Laufe der Zeit etwas kompliziert gewordene Duden-Rechtschreibung schien dem berechtigten Wunsch im Wege zu stehen, die Bildungsreserven der ärmeren und nichtakademischen Gesellschaftsschichten auszuschöpfen“ (Theodor Ickler; Die sogenannte Rechtschreibreform: ein Schildbürgerstreich.)
Welch ein Humbug! Durch die Reform wurde überhaupt nichts erleichtert. Die alten Rechtschreibregeln waren mehr oder weniger genauso kompliziert wie die neuen – aber dafür einleuchtender und logischer, weil sie noch den allgemeinen Sprachgebrauch der Bevölkerung widerspiegelten. Dagegen sind die künstlich geschaffenen Regeln nicht eindeutig, sondern widersprüchlich, sie verändern teilweise die Aussprache der Wörter, und haben unweigerlich ein regelrechtes Chaos in der Rechtschreibung angerichtet. Es sind viele Wörter einfach verschwunden, die literarische Ausdruckskraft der Sprache wurde eingeschränkt, und die neuen Schreibregeln haben die Lesbarkeit des geschriebenen Wortes nicht gerade verbessert.

Dabei sind die Gehirne junger Menschen enorm aufnahmefähig, vor dreitausend Jahren haben Kinder und Jugendliche sogar die „komplizierte“ Hieroglyphenschrift der Alten Ägypter gelernt. Ich selbst komme aus einer nichtakademischen Familie, und hatte dennoch keine Probleme mit der deutschen Rechtschreibung, obwohl ich nicht einmal ein besonders guter Schüler gewesen bin. Mit den gleichen Argumenten könnte man behaupten, daß auch die Mathematik in den letzten Jahrhunderten eigentlich recht kompliziert gworden sei, und dringend einer Reform bedürfe. Man könnte dann nur noch Rechenaufgaben zulassen, die mit zehn Fingern zu lösen sind. Das würde die Mathematik und den Schulbetrieb doch ungemein erleichtern, kann ich als „Experte“ nur sagen!
Wenn Sprache der unmittelbare Ausdruck unseres individuellen Denkens ist, und nur die Philosophen im rechten Moment zu schweigen wissen, dann scheint hinter der Rechtschreibreform von 1996 nicht allzu viel linguistische Gedankenarbeit zu stecken! „Wissenschaftliche Argumente spielten keine große Rolle, da die Reformwilligen sich ohnehin als Vorhut des historischen Fortschritts fühlten“ (Theodor Ickler). Mit dem Fortschritt war es aber nicht weit her! Die neuen Regeln folgen größtenteils einer Rechtschreibung, wie sie um 1860 üblich gewesen war – also zurück zur goldenen Zeit des Manchester-Kapitalismus und dessen größten literarischen Kritikern – Karl Marx und Charles Dickens. Somit sind die neuen Rechtschreibregeln ein Rückschritt, wie alles, was uns seit Jahren als „Reform“ verkauft wird.
Nun kann man dem Wirtschaftsliberalismus viel nachsagen, nur nicht, daß er wissenschaftlich fundiert sei. Schon dessen „Religionsgründer“Friedrich August von Hayek auf dem Mont Pèlerin, dessen Evangelium von der„unsichtbaren Hand des Marktes“ geschrieben ward, hatte ein empirisches Wissenschafts- und Theorieverständnis abgelehnt. Auch dessen Nachfolger haben darauf verzichtet, ihre Postulate wissenschaftlich und empirisch zu begründen, vermutlich aus Arroganz. So sind die Wirtschaftsreformer von heute mehr indoktrinierte Ideologen als Wissenschaftler, die jedoch durch überhandnehmende Privatisierung von Universitäten und Forschungseinrichtungen dieselben unter ihre Kontrolle gebracht und nach marktwirtschaftlichen Prinzipien ausgerichtet haben.
Bei staatlichen Universitäten wird die „Drittmittelfinanzierung“ zum Enterhaken. Die Reichsbank von Schweden stiftete dem ganzen Unfug sogar einen „Erinnerungspreis an Alfred Nobel“. Es kann daher nicht verwundern, daß sich ein eigener, für die postdemokratische Entwicklung typischer Berufszweig von „Sachverständigen“ und privaten „wissenschaftlichen Instituten“ herausbildete, die gegen Bezahlung jegliches Gefälligkeitsgutachten oder zweifelhafte Studien liefern.
Reformiert wurde die Rechtschreibung zudem mit Monstrositäten wie „Missstände, Seeelefanten, Schifffahrt, Basssaite“, deren ausgesprochen dümmliche Verdreifachung der Konsonanten nicht unbedingt zur leichteren Lesbarkeit beiträgt – und auch die ursprüngliche Aussprache (Phonetik) der Wörter verändert, wenn man sie allzu buchstäblich nimmt.
Wie wenig wissenschaftlich gearbeitet wurde, zeigt auch das Wort „greulich“, das jetzt „gräulich“ geschrieben wird, weil es irgendwie mit der Farbe Grau zusammenhängen soll. Ein kurzer Blick in das Wörterbuch der Brüder Grimm lehrt uns jedoch, daß die Farbe Grau auf die althochdeutsche Wurzel „grâo“ zurückgeht, während das Wort „greulich“ (griulich) erst im Mittelhochdeutschen bekannt wurde, und sich wohl aus der lateinischen Vokabel „crudelis“ entwickelte.
Die Wörter grau und greulich haben demnach überhaupt nichts miteinander zu tun! O sancta simplicitas! [„O heilige Einfalt!“]. Da wurden ja linguistische Verschwörungstheorien aus der Giftküche der Pseudowissenschaft verbreitet! Man bemerkt, daß greulichste Unbildung auch in akademischen Gesellschaftsschichten wohnt.
In Wahrheit hatte die Rechtschreibreform niemandem etwas erleichtert, und als die ersten Kritiken ruchbar geworden waren, sorgten die „Nachbesserungen“ von 2004 und 2006 vollends dafür, daß die neue Rechtschreibung noch unübersichtlicher und komplizierter wurde als je zuvor. Die Regeln sind dermaßen abstrakt, daß man sie auch nicht „ins Gefühl“ bekommen kann. Es wurde sozusagen mutwillig und zerstörend in das organische „Ökosystem“ der Sprachentwicklung eingegriffen.
Genauer ausgeführt wird diese willkürliche Deformation der Sprache anhand zahlreicher Beispiele in dem erwähnten Buch von Theodor Ickler. Es ist mir hier aber nicht daran gelegen, die Flachköpfe bloßzustellen, die diese Rechtschreibreform elend zusammengestümpert haben, und deren Eseleien im einzelnen zu rezensieren, sondern zu den politischen Hintergründen vorvorzurzudringen…
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